Verleihung des Österreichischen Preis für Entwicklungsforschung 2019 an Walter Schicho

© BMBWF/Achim Bieniek

 

Walter Schicho wurde vom Bildungsministerium für Bildung, Wissenschaft und Forschung mit dem österreichischen Preis für Entwicklungsforschung ausgezeichnet.

Wir gratulieren herzlich!

 

Dankesrede anlässlich der Verleihung, gehalten von Walter Schicho am 10. Dezember 2019

 

Sehr geehrte Damen und Herrn, liebe Freunde,

 

ich bedanke mich zuerst bei jenen, die diesen Preis ausgelobt haben, und bei der Kommission, die ihn mir zuerkannt hat. Nach fast 10 Jahren in Pension glaubte ich mich längst ausser Sichtweite solcher Ehrungen, leben wir doch in einer Zeit, in der alles schnell gehen muss und in der selbst die Nobelpreise nicht mehr ausschliesslich an alte Männer verliehen werden.

Als Fussnote möchte ich einflechten, dass ich mich sehr über die Verleihung des Literaturnobelpreises an Olga Tokarczuk gefreut habe. Ich entnehme aus „Jakobs Bücher“ ein Zitat, das sie dem Dechant von Rohatyn in den Mund legt: „Das Wissen sollte sein wie das Wasser: für jeden frei erhältlich.“

 

Ich stamme, wie es die Historiker so schön formulieren, aus der unterbäuerlichen Schicht und habe Migrationshintergrund. Ein gewisser Bezug zu Ungleichheitsverhältnissen und Entwicklungshilfe war also von Anfang an gegeben. Dass ich studieren konnte, verdanke ich der Kirche und dem Staat – eine Erfahrung, die auch viele Akademiker aus der früher so genannten Dritten Welt gemacht haben.

Wenn ich das Wort Akademiker nicht mit einem grossen Binnen-I versehen habe, dann geschah dies bewusst, denn ich weiss, dass beide Institutionen lange wenig für die Förderungen von Frauen getan haben.

 

Am Anfang meiner Orientierung stand seit den späten 1950er Jahren die afrikanische Literatur. Der Anstoss dafür kam von den Übersetzungen und Veröffentlichungen von Janheinz Jahn. Afrikanische Literatur war damals freilich ein Hobby und keine akademische Disziplin. So landete ich bei Ethnologie und Afrikanistik und nutzte meine Erkenntnisse aus einer Feldforschung in Togo zur Veröffentlichung eines Beitrags zu „Entwicklungshilfe und dringende ethnologische Forschung in Togo“. Ich glaube, dass ich damals versuchte, partizipative Forschung zu machen, obwohl dieser Ausdruck 1969/70 längst noch nicht im mainstream schwamm.

 

Noch 1970 hielt man mich in abgelegenen Dörfern in den Bergen von Lama Kara, 10 Jahre nach der Unabhängigkeit, immer noch für einen französischen Kolonialbeamten, was mich in dem reaktionären Glauben bestärkt, dass nicht alles am Kolonialismus so böse war, wie es viele Entwicklungsforscher meinen.

 

Meine wissenschaftliche Laufbahn war von der Disziplin her so krumm, wie meine berufliche gerade war: 1963 inskribierte ich an der Universität Wien und verliess sie 2010 als Professor, unfreiwillig, wie ich gestehe, denn ich hätte gerne weiter gemacht.

 

Ich begann meine Arbeit als Linguist, mit einem Schwerpunkt in Syntax, Soziolinguistik und Swahili, entdeckte dann meine Neigung zu afrikanischer Zeitgeschichte und hatte das Glück, in den späten 1980er Jahren in einen Kreis grossartiger KollegInnen aufgenommen zu werden, die sich mit aussereuropäischer bzw. Globalgeschichte befassten. Die 1990er und die ersten Jahre des neuen Jahrhunderts boten ausgezeichnete Möglichkeiten, disziplin- und universitätenübergreifend zu arbeiten und in diesem Ambiente sind auch die Ursprünge der österreichischen akademischen Entwicklungsforschung zu suchen.

 

Die Privatisierung und Neoliberalisierung der Universitäten bedauere ich auf das Heftigste, weil dies mit kleinlicher Pfennigfuchserei und krasser Verschulung des Studiums die fachübergreifende Zusammenarbeit erschwert, wenn nicht verunmöglicht hat. Ebenso bedauere ich die Einführung des Bolognasystems, weil es – abgesehen von der Verschulung – verglichen mit der alten Kombination Diplom und Doktorat für die beiden ersten Stufen jeweils zumindest ein Jahr an Ausbildung zu wenig anbietet. Ich könnte mich über diese Themen lange auslassen, erspare Ihnen dies jedoch und weise nur auf Eines hin: Unser grosses Vorbild in Akademia, die USA, hat einige wenige exzellente Universitäten und viele unbedeutende oder schlechte. Aus meiner Sicht ist es Aufgabe des Staates, an allen akademischen Bildungseinrichtungen des Landes die gleichen hervorragenden Bildungs- und Forschungsmöglichkeiten anzubieten, und nicht von vornherein ein akademisches Zweiklassensystem zu fördern.

 

Womit ich bei der mühsamen Geschichte der Einführung einer akademischen Entwicklungsforschung angelangt bin. Ich erspare Ihnen die genauere Darstellung – viele von Ihnen wissen soundso Bescheid, und fokussiere auf einige Details.

Die Einrichtung einer akademischen Entwicklungsforschung und insbesondere die Entstehung der Internationalen Entwicklung sind Ergebnisse einer Bewegung von unten. VertreterInnen der österreichischen Hochschülerschaft organisierten die ersten Sommerkurse und die Wochenendseminare, aus denen sich die Gründung des Mattersburger Kreises ergab.

 

 

Weiter in Graswurzelmanier ging es, als die Studierenden die Einrichtung eines Individuellen Diplomstudiums forderten. Ich würde meine Bedeutung überschätzen, nähme ich dieses auf meine Fahne. Es war eher so etwas wie eine Stampede, bei der ich mich bemühen musste vorauszulaufen, um nicht von der nachfolgenden Welle der Bewegten überrollt zu werden.

 

Vor allem in den ersten Jahren des Individuellen Diplomstudiums musste ich immer wieder an den Hofrat Winkler in Schnitzlers Professor Bernardi denken: „Wenn man immerfort das Richtige täte, [...] so säße man sicher noch vorm Nachtmahl im Kriminal“ und „als Beamter, da hat man nur die Wahl – Anarchist oder Trottel“. Ich glaube, ich war abwechseln beides. Es war Vizerektor Arthur Mettinger, der mir immer wieder aus der Patsche half und die Lehraufträge bewilligte, und es waren die KollegInnen aus anderen Disziplinen, die sich immer wieder unserer Studierenden annahmen, quer über Vorschriften und Zulassungsbedingungen hinweg.

 

Blauäugig glaubte ich manchen Versprechungen, die vom Überbau dann doch nicht eingehalten wurden.

 

Letztlich lief alles gut, weil sich die Studierenden so stark engagierten und unsere Lehrenden Selbstausbeutung bis an die Grenze des Möglichen akzeptierten. 2010 konnten die Studierenden der IE endlich in ein eigenes Institut und das gelobte Land eines Regelstudiums einziehen. Vielleicht hing das auch damit zusammen, dass die Universität den lästigen Schicho endlich in die Pension abgeschoben hatte.

 

Eigentlich kommt dieser Preis für ein Lebenswerk zu früh. Ich habe aus vier vom FWF geförderten Projekten noch Unmengen an Material liegen, von dem ich so viel als möglich noch verarbeiten möchte. Das erste Projekt mit Entwicklungsbezug war Kommunikation und Entwicklung in den frühen 1990er Jahren. Ich erinnere mich, dass mir in Verbindung mit der Vorstellung des Projekts in der Sektion VII einmal eine spontane Antwort gelang – das ist selten bei mir, ich muss sonst alles im stillen Kämmerchen ausdenken. Auf die Frage nach der Genderelevanz antwortete ich: „Ich bin die einzige männliche Mitarbeiterin im Projekt.“ Das hatte eigentlich nichts mit Geschlechterverhältnis zu tun, aber meine ZuhörerInnen waren zufrieden.

 

In Zusammenhang mit den verschiedenen Forschungsarbeiten muss ich mir vorwerfen, dass aus unterschiedlichen Gründen aus den FWF-Projekten ebenso wie aus unserem WWTF-Projekt um das Jahr 2010 nichts Dauerhaftes geworden ist. Meine Kolleginnen starben wie Irmi Maral-Hanak zur Unzeit oder verstreuten sich in alle Welt, oft ausgespuckt aus dem universitären Kontext wie die Bremer Stadtmusikanten. Ich darf aber auf alle stolz sein, weil sie aufrecht und kritisch ihre Forschung durchzogen.

Fazit: Ich habe viel von MitarbeiterInnen und Studierenden gelernt – weit mehr als seinerzeit von meinen Lehrern. Eigentlich müsste ich mich jetzt bei allen namentlich bedanken, aber so lange werden Sie mir nicht zuhören.

 

Jetzt werden Sie mich aber noch fragen, was ich mit dem Geld machen werde, das mit diesem Preis verbunden ist: Wir, Studierende und Lehrende der IE, haben in 5 ganzjährigen Forschungsseminaren Grundlagen für ein digitales Archiv der österreichischen Entwicklungshilfe/EZA geschaffen, das Ihnen unter https://archeza.univie.ac.at/ online zugänglich ist. Besuchen Sie uns bitte auf dieser homepage, die vor allem der Alltagsgeschichte, den Wurzeln der Österreichischen Entwicklungshilfe und der kritischen Auseinandersetzung mit dem mainstream gewidmet ist, damit uns Google in seiner grossen Güte in der Suchreihenfolge nach oben schiebt. Ich hoffe, mit dem Preis die Entwicklung des Archivs für Entwicklung –ArchE – wieder ein wenig weiter zu bringen.

 

Zu guter Letzt: Ein befreundeter Pfarre aus dem Weinviertel hat mir einmal die entscheidende Strategie erklärt: „Über alles darfst Du predigen, nur nicht über 15 Minuten.“ In diesem Sinne danke ich fürs Zuhören.

 

 

 

Laudatio auf Walter Schicho, gehalten von Birgit Englert am 10. Dezember 2019

 

Sehr geehrte Frau Sektionschefin,

sehr geehrte Damen und Herren,

liebe Kolleginnen und Kollegen,

nicht zuletzt, lieber Walter,

 

 

ich freue mich sehr, heute diese Laudatio für den Hauptpreisträger Univ. Prof. i.R. Dr. habil Walter Schicho halten zu dürfen. Ich stehe stellvertretend für viele andere hier, die von Walter Schicho nachhaltig geprägt wurden.

Walter Schicho hat im Laufe der letzten Jahrzehnte in Bezug auf die österreichische Entwicklungsforschung zahlreiche Spuren hinterlassen - in den Institutionen, die er mitaufgebaut hat, ebenso wie in den Menschen, die er unterrichtet und mit denen er zusammengearbeitet hat (- oft trifft beides zu).

 

Viele von Ihnen und Euch sind heute auch hier im Publikum, was mich sehr freut. Denn ich werde mir heute Abend erlauben etwas zu tun, was mich Walter eigentlich gelehrt hat zu vermeiden: nämlich ein „Wir“ zu verwenden, das die Lesenden bzw. Hörenden vereinnahmt. Bei dem Genre Laudatio ist, so denke ich, diesbezüglich aber eine Ausnahme erlaubt.

 

Ich möchte daher in den folgenden Minuten einige zentrale Erkenntnisse bzw. Lehren nennen, die wir von Walter – dem Forscher, Lehrer und Organisator - mitbekommen haben. Auch wenn ich davon ausgehe, dass viele hier meine Wahrnehmung teilen, bleibt es natürlich ein zutiefst subjektiver Blick.

 

Walter Schicho hat uns zunächst einmal gezeigt, dass es möglich ist, in so unterschiedlichen Bereichen wie afrikanischer Sprach- Literatur- und Geschichtswissenschaft sowie in Globalgeschichte und Entwicklungsforschung erfolgreich zu forschen und zu publizieren.

Am Anfang seiner Laufbahn, Ende der 1960er Jahre, führte er in Togo ethnographische Forschungen durch; in den 1970er Jahren standen linguistische Forschungen in Lubumbashi, heutige Demokratischen Republik Kongo, im Mittelpunkt seiner Forschungstätigkeiten. Seine Habilitation verfasste er 1982 über das Swahili von Lubumbashi.

 

Zu seinen afrikawissenschaftlichen Arbeiten im Bereich der Sprachwissenschaften kamen noch in den 1980er Jahren Publikationen im Bereich der Literatur- und Geschichtswissenschaft dazu und auch die Auseinandersetzung mit Fragen der Entwicklung begann bereits in diesem Zeitraum. Der Bezug zur Praxis war dabei immer gegeben, Walter Schicho war etwa - gemeinsam mit KollegInnen wie Ingeborg Grau - Mitbegründer einer „Projektgruppe Dritte Welt im Sprachunterricht“, die u.a. Unterrichtsmaterialien verfasste.

Insbesondere das Einbringen von sprachwissenschaftlichen und literaturwissenschaftlichen Fragestellungen in die österreichische Afrikaforschung und Entwicklungsforschung, ist zu sehr großem Teil der Verdienst von Walter Schicho.

Aber auch die Zusammenführung von Geschichtsforschung und Entwicklungsforschung hat er entscheidend mitgeprägt und zwar in zweierlei Hinsicht: einerseits, in der Hinsicht, dass es ein Bewusstsein über historische Zusammenhänge braucht um Entwicklungsforschung zu betreiben; andererseits hat er auch die Geschichte der Entwicklungshilfe, die im Laufe der Zeit zur Entwicklungszusammenarbeit wurde, selbst in den Fokus von Entwicklungsforschung gerückt.

 

Walter Schicho verfasste originäre Forschungsarbeiten ebenso wie Überblickstexte, Beiträge zur Wissenschaftsgeschichte ebenso wie Beiträge zur Methoden der Entwicklungsforschung. Er schrieb Artikel für Fachzeitschriften, Bücher, Lehrbücher, Skripten, aber auch Artikel in Zeitungen und Magazinen.

Wir haben von Walter auch gelernt, dass es möglich ist, fundierte wissenschaftliche Analysen so aufzubereiten, dass auch Nicht-WissenschaftlerInnen sie mit Vergnügen und Gewinn lesen können. Das vielleicht beste Beispiel dafür ist sein drei-bändiges Handbuch Afrika, das um die Jahrtausendwende (1999, 2001, 2004) erschien und einen Überblick über politische, ökonomische und gesellschaftliche Entwicklungen in ALLEN afrikanischen Staaten gibt – eine Mammutaufgabe. Auf seiner Internetseite aktualisiert er die Beiträge zu den einzelnen Ländern immer wieder und teilt seine Bibliographien mit Interessierten.[1]  

Nachdem er lange Jahre das Institut für Afrikawissenschaften[2] mitaufgebaut hat, wurde er im Jahr 2000 schließlich Universitätsprofessor für Afrikanistik mit dem Schwerpunkt afrikanische Geschichte.

 

Von Walter haben wir auch gelernt, dass es gelingen kann, Karriere in der Wissenschaft zu machen und dabei ein Teamplayer zu bleiben.

2009 erschien im Journal für Entwicklungspolitik (JEP) ein Text, den Walter mit „Mein letztes/aktuelles/liebstes (l.a.l.) Forschungsprojekt“ betitelt hat. Darin vergleicht er Forschungsprojekte – insbesondere den Prozess, der zu ihrer Genehmigung und Finanzierung führt - mit dem Wien Marathon und stellt lakonisch fest: […, dass er] lieber den anderen beim Forschen zu [schaue], […] Wasserflaschen und Bananen [reiche] und [sich] freut […], wenn möglichst viele ankommen.“ (Schicho 2009b: 109)

Wie ein Blick in seine Publikationsliste zweifelsohne zeigt, ist Walter Schicho freilich sehr wohl selbst auch ein äußerst produktiver und vielseitiger Forscher. In seiner Rolle als Förderer von jüngeren WissenschaftlerInnen, ist sein Einfluss auf die österreichische Entwicklungsforschung aber zweifelsohne besonders groß einzuschätzen:

 

Die Liste der wissenschaftlichen Projekte, die unter seiner Leitung umgesetzt wurden ist lang. Ich möchte hier nur ein paar Titel seiner größeren Projekte aus dem letzten Vierteljahrhundert nennen:

1993 - 1995: Leitung des Forschungsprojekts "Kommunikation und Entwicklung. Entwicklungsrelevante Kommunikation in nationalen und bilateralen Netzwerken" (Fonds zur Förderung der Wissenschaftlichen Forschung, FWF)

1996 - 1999: Leitung des Forschungsprojektes "Kommunikation und Beratung. Kommunikations- und Organisationsberatung in der Entwicklungszusammenarbeit“ (Fonds zur Förderung der Wissenschaftlichen Forschung, FWF)

2007 – 2011: Leitung des Projekts „Sprachmittlung bei Gericht und Behörden: Der Einsatz von Sprachkundigen als sprachliche und kulturelle MediatorInnen in Verfahren in Österreich“ (Hochschuljubiläumsstiftung, Nationalbank)

2009 – 2012: Leitung des Projekts „Colonial Concepts of Development“ (Fonds zur Förderung der Wissenschaftlichen Forschung, FWF, Wien)

2011 – 2014: gemeinsam mit B. Busch Leitung des Projekts „PluS. Plurilingual Speakers in Unilingual Environments. Migrants from African Countries in Vienna: Language Practices and Institutional Communication” (Wiener Wissenschafts-, Forschungs- und Technologiefonds, WWTF)

 

Die Bedeutung eines transdisziplinären Zugang für seine Forschungen ist offensichtlich.

In dem soeben schon erwähnten Text, in dem Walter sich mit seiner eigenen Rolle in der Forschung generell und der Entwicklungsforschung im Besonderen auseinandergesetzt hat, greift er auch die Frage auf, was Transdisziplinarität ausmacht und weist darauf hin, dass

„der Erfinder des Begriffs, Jürgen Mittelstraß – es wird gewiss welche geben, die ihm das streitig machen –, in seinem Erklärungsversuch von der Feststellung aus[geht], dass unser Wissenschaftssystem auf eine beunruhigende Weise unübersichtlich geworden ist.“

Walter setzt fort: „Ich finde das keineswegs beunruhigend – vielleicht werden damit endlich die einfachen und disziplinär begrenzten Erklärungen obsolet. Welche Ergebnisse erwarte ich? Verunsicherung. Die Sicherheit der „Wissenden“ ist die größte Behinderung des Fortschritts.“

Er fügt schließlich hinzu: „Wenn es gelingt, wenigstens ein paar Leute dazu zu bringen, (sich selber) kritische Fragen zu stellen, ist die Relevanz meiner Arbeit gegeben.“ (Schicho 2009b: 111)

 

Lieber Walter, ich denke, das ist dir vielfach gelungen.

Wir haben von Walter nicht nur gelernt, unser eigenes Tun kritisch zu hinterfragen, wir haben auch gelernt, dass grenzenloser Optimismus Energien freisetzt, die unmöglich Geglaubtes ermöglichen - wie er bewies, als er federführend die Etablierung des „Projekts Internationale Entwicklung“ ab 2002 auf die Beine stellte. 2010 wurde aus dem Projekt das neugegründete Institut für Internationale Entwicklung[3].

Zunächst das Diplomstudium (2002-2014) und dann das Bachelorstudium (von 2009 bis 2017) Internationale Entwicklung, hatten einen unglaublichen Zulauf von Studierendenseite. Dennoch – oder auch deswegen – wurde der BA Internationale Entwicklung, trotz langem Widerstand von Seiten der Studierenden aber auch von Lehrenden, von der Universitätsleitung eingestellt.

Das MA-Studium „Internationale Entwicklung“ aber blieb und erfreut sich ebenfalls sehr großer Beliebtheit - mehr als 1000 Studierende sind derzeit zugelassen. Darüber hinaus gibt es auch ein PhD-Studium.

 

Bevor die Institutionalisierung einer kritischen und transdisziplinären Entwicklungsforschung in Österreich gelingen konnte, waren jedoch viele andere Schritte nötig – und Walter Schicho war an vielen davon maßgeblich beteiligt.

Ein solcher Schritt war vor allem die Gründung des Mattersburger Kreises für Entwicklungsforschung im Jahr 1981. Der Mattersburger Kreis, der sich als Dachverband der entwicklungspolitischen Forschung und Lehre an den österreichischen Hochschulen versteht, zielte von Anfang an darauf ab, eine Mittlerposition zwischen Wissenschaft, Forschung und universitärer Lehre und dem Bereich der entwicklungspolitischen Praxis einzunehmen. Die Publikationsreihen des Mattersburger Kreises – das Journal für Entwicklungspolitik (JEP) ebenso wie die Buchreihen GEP[4] und HSK[5]  - haben die Grundlage für eine kritische Auseinandersetzung mit Fragen der Entwicklungsforschung in der Lehre gebildet. Bei allen hatte auch Walter Schicho seine Hände bzw. seinen Kopf im Spiel.[6] 

 

Eine weitere Initiative, deren Anliegen es war und ist, wissenschaftliche Erkenntnisse auch aus dem akademischen Raum hinauszutragen, ist und die Walter Schicho mitgegründet hat, ist die Arbeitsgemeinschaft Angewandte Afrikanistik (Ecco), die durch den Verein Stichproben abgelöst wurde. Dieser gibt die Stichproben - Wiener Zeitschrift für kritische Afrikastudien[7] heraus, bei der Walter seit ihren Anfängen im Jahr 2000 dabei ist und auch nach 20 Jahren noch eines der aktivsten Redaktionsmitglieder ist.

2010 aus Anlass seiner Pensionierung als Professor für Afrikanische Geschichte, haben wir für Walter eine Ausgabe der Stichproben gestaltet, in der zahlreiche Erinnerungen enthalten sind. Meine KollegInnen und ich freuen uns, heute Abend Exemplare an alle Interessierten verteilen zu können.[8] 

 

Elke Christiansen vom Institut für Internationalen Entwicklung schrieb 2010 in ihrem Beitrag für dieses Sonderheft der Stichproben:

„‚Aus uns wird noch was’ hat man an der IE beinahe so oft gehört wie ‚Guten Morgen’ oder sonst übliche Grußformeln. […] Dieses ‚Aus-uns-wird-noch-Was’ war Walters Motto und Leitgedanke über Jahre hinweg.“ (Christiansen 2010: 47)

Doch auch der optimistischste Mensch braucht einen Plan B – und so hat auch der von Walter geprägte Satz „wenn aus uns nichts wird, machen wir ein „afrikanisches“ Restaurant auf“ viele von uns durch die Jahrzehnte begleitet. (vgl. Grau 2010)

Restaurant hat - soweit ich weiß - bis heute keine/r von uns eröffnet obwohl viele bei Feiern immer wieder ihr Kochtalent gezeigt haben – darunter auch Walter selbst.

 

Walter Schicho war sich nie zu fein um für Kolleg*innen und Studierende zu kochen und war sich auch sonst für nichts zu schade. Er war immer unter den Ersten, die mit anpackten, wenn es darum ging, Umzugskartons schleppen oder Bilder an die Wand zu hängen.

Sein Einsatz für Studierende beschränkt sich freilich nicht auf deren kulinarisches Wohl. Walter Schicho lehrte in allen großen Bereichen, die auch seine Forschungsarbeit gekennzeichnet haben.

Sein Engagement in der Lehre setzte Maßstäbe und viele Diplom- und später Masterarbeiten, aber insbesondere auch viele Dissertationen, wären ohne seinen beständigen Zuspruch und sein kritisches und (heraus)forderndes Mitdenken wohl nie fertiggestellt worden.

 

Walter Schicho hat sich immer bemüht Talente zu fördern, ihnen Möglichkeiten zu bieten ohne sie einzuengen. An dieser Stelle möchte ich mir auch eine persönliche Bemerkung erlauben: ich selbst durfte fast ein Jahrzehnt zunächst als Prä-doc und dann als Post-doc Universitätsassistentin mit Walter arbeiten und er hat mir nie das Gefühl gegeben „seine“ Assistentin zu sein - in dem Sinne, dass ich angestellt wäre um ihm die Arbeit zu erleichtern. Viel mehr hat er mich bei der Umsetzung meiner Projekte unterstützt und mich ermutigt, meinen eigenen Weg zu gehen. Auch hat er meine Entscheidungen in Bezug auf Forschungsthemen immer wohlwollend akzeptiert – auch dann wenn unsere Interessen in unterschiedliche Richtungen gingen. Ich weiß, dass dies keineswegs selbstverständlich ist und bin dir, lieber Walter, für dein Vertrauen und deine Unterstützung über alle Maßen dankbar. Ich weiß auch, dass ich mit dieser Erfahrung nicht alleine bin.

 

In den letzten 9 Jahren hat uns Walter gezeigt, dass der Ruhestand mit Ruhe nicht viel zu tun haben muss:

Zum einen leitete Walter seit seiner Pensionierung im Jahr 2010 - über die er alles andere als erfreut war - als Privatdozent am Institut für Internationalen Entwicklung Lehrveranstaltungen und betreut darüber hinaus weiterhin zahlreiche Studierende beim Verfassen ihrer Masterarbeit.

Zum anderen widmete er sich in den letzten Jahren seinem neuesten Projekt, dem „Archiv des Helfens - ArchE“, das vor einem Jahr online gegangen ist und ständig weiterwächst.[9]  Ziel ist, den Beweggründen der ersten EntwicklungshelferInnen - wie sie damals bezeichnet wurden - in Österreich nachzugehen, sie zu dokumentieren und Materialien für die weitere Forschung zugänglich zu machen.

Nicht zuletzt haben wir Dank Walter auch gelernt, wo sich St. Helena befindet, die Insel im Süd-Atlantik, die er aufgrund ihrer Abgeschiedenheit uns gegenüber immer als einen idealen Aufenthaltsort imaginiert hat - freilich ohne die Absicht tatsächlich hinfahren zu wollen. (vgl. Sonderegger 2010). Wir haben aber auch gelernt, wo in Österreich Niederfladnitz liegt, wo du dich in den letzten Jahren immer öfter aufhältst und das du zu deinem persönlichen St. Helena gemacht hast.

 

Wir hoffen, dass wir über die Jahre nur halb so neugierig bleiben wie Du und sagen DANKE für alles was wir von dir lernen durften und dürfen.

Du hast uns eine Vorstellung davon gegeben, wie vielfältig die Auseinandersetzung mit Entwicklung und Entwicklungen sein kann – und du hast uns eine Vorstellung davon gegeben, wie es gelingen kann, in einem hochkompetitiven Kontext wie dem universitären, Mensch zu bleiben und nicht impact factors bestimmen zu lassen, über was sich kritisch nachzudenken lohnt.

 

Schließen möchte ich mit einem Zitat von Henning Melber, einem engen Freund und Wegbegleiter von Walter, der es sehr bedauert, dass er heute nicht persönlich dabei sein kann. Für diejenigen, die ihn nicht kennen: eine der vielen Funktionen von Henning Melber ist es, Präsident von EADI zu sein, der „European Association of Development Research and Training Institutes“.[10] 

 

Er schreibt in einem Grußwort für den heutigen Abend:

„Walter Schicho ist ein kosmopolitischer Weltbürger par excellence. Er weiß wo er her kommt, wer er ist und wo er hingehört. So kann er offen, neugierig und aufgeschlossen gegenüber fast allem sein. Die beste Voraussetzung, Wirklichkeiten in Geschichte und Gegenwart von Gesellschaften, nicht nur aber auch, Afrikas zu erkunden und unsere Rolle in den weiterhin asymmetrischen Austauschverhältnissen selbstkritisch zu reflektieren. Es hätte keinen besseren Preisträger geben können, um Österreichs Beitrag zu einer gerechteren Welt zu dokumentieren.“

 

Dem kann ich mich nur anschließen.

Ganz herzlichen Glückwunsch, lieber Walter, zum hochverdienten Preis.

 

 

Referenzen:

 

Christiansen, Elke. 2010. „‚Aus uns wird noch was’ oder ‚La repressione non ferma il pensiero’“. In: Stichproben. Wiener Zeitschrift für kritische Afrikastudien Nr. 18/2010, 10. Jg., 47-57. Online unter:https://stichproben.univie.ac.at/fileadmin/user_upload/p_stichproben/Artikel/Nummer18/Nr18_Christiansen.pdf

 

Grau, Ingeborg. 2010. “Wenn aus uns nix wird, machen wir ein ‘afrikanisches’ Restaurant auf...”. In: Stichproben. Wiener Zeitschrift für kritische Afrikastudien Nr. 18/2010, 10. Jg., 25-30. Online unter:https://stichproben.univie.ac.at/fileadmin/user_upload/p_stichproben/Artikel/Nummer18/Nr18_Grau.pdf

 

Schicho, Walter. 2009a. „25 Jahre Journal für Entwicklungspolitik“. In: Journal für Entwicklungspolitik, Vol. XXV 4–2009 (= Schwerpunktheft „25 Jahre Journal für Entwicklungspolitik“, editiert von Karin Fischer und Franz Kolland), 11-18. Online unter: https://www.mattersburgerkreis.at/dl/KqlsJMJkooJqx4KooJK/JEP-04-2009_02_SCHICHO_25-Jahre-Journal-f_r-Entwicklungspolitik.pdf

 

Schicho, Walter. 2009b. „Mein letztes/aktuelles/liebstes (l./a./l.) Forschungsprojekt“. In: Journal für Entwicklungspolitik, Vol. XXV 4–2009 (= Schwerpunktheft „25 Jahre Journal für Entwicklungspolitik“, editiert von Karin Fischer und Franz Kolland), 109-111 . Online unter: https://www.mattersburgerkreis.at/dl/toLlJMJkkKJqx4KooJK/JEP-04-2009_23_SCHICHO_Mein-letztes-aktuelles-liebstes-l-a-l-Forschungsprojekt.pdf

 

Sonderegger, Arno. 2010. St. Helena oder Afrika ist überall – Einleitung. In: Stichproben. Wiener Zeitschrift für kritische Afrikastudien Nr. 18/2010, 10. Jg., 1-7. Online unter:

https://stichproben.univie.ac.at/fileadmin/user_upload/p_stichproben/Artikel/Nummer18/Nr18_Einleitung.pdf

 


 

[1] Siehe https://handbuch-afrika.univie.ac.at/

[2]  https://afrika.univie.ac.at/

[3]  https://ie.univie.ac.at/

[4]  “Gesellschaft – Entwicklung – Politik”: https://www.mattersburgerkreis.at/site/de/publikationen/gep

[5]  „Historische Sozialkunde – Internationale Entwicklung“: https://www.mattersburgerkreis.at/site/de/publikationen/hsk

[6]  Vgl. Schicho 2009a über die ersten 25 Jahres des JEP.

[7]  https://stichproben.univie.ac.at/

[8] Das Themenheft ist auch online verfügbar unter https://stichproben.univie.ac.at/alle-ausgaben/stichproben-nr-182010/

[9] https://archeza.univie.ac.at/

[10]  https://www.eadi.org/

 

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